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Didacta 2018 – Ein Fazit

Aufgrund der diversen persönlicher und „offizieller“ Projekte zur Modernisierung und Digitalisierung, an denen ich/wir an der Schule gerade arbeiten, bot sich ein Besuch auf der dieses Jahr in Norden stattfindenden Bildungsmesse Didacta geradezu an. Mein Kollege und ich machten uns also am Freitag auf nach Hannover mit dem Ziel, viele Anregungen und interessante Ideen insbesondere zur Digitalisierung zu sammeln – da die „Digitalisierung“ ja zur Zeit eines der großen Bildungsthemen ist, sollte das machbar sein. Dachten wir.
Darüber hinaus wollten wir aktiv Möglichkeiten erkunden, „fertiges“ Material von kommerziellen Anbietern für unser Projekt zum Blended Learning zu erhalten, unsere spezielle Idealvorstellung waren dabei Inhalte für oder gar komplette Moodle-Kurse mit ergänzenden und vor allem interaktiven Elementen. Dass wir hier eine rosa Brille trugen, war uns klar, wir waren aber dennoch auf die Reaktionen gespannt.

Außerdem hatten wir uns auf der Anreise noch den einen oder anderen Vortrag vorgemerkt, der gut zu unseren Vorhaben und Gedanken zu passen schien.

So wollten wir um einen kurzen Blick auf eine Livevorführung der TI nspire App werfen, uns anhören, wie andere  „Do-It-Yourself bei der E-Learning Erstellung“ anwenden (genau unser Thema, eigentlich) und zwischendurch in den einen oder anderen Vortrag zur Digitalisierung speziell an Berufsschulen reinhören. Darüber hinaus stand ein Vortrag von Christian Stein über digitale (eher soziale) Medienkompetenz auf dem selbstgestrickten Programm und für den Nachmittag noch einiges mehr.

Fazit

Vorträge

Die von uns besuchten Vorträge am Vormittag fanden wir eher schwach. Der kurze Blick auf die TI-App zeigte uns, dass wir mit unserem Plan, den Mathematikunterricht mittelfristig mit Hilfe der kostenlosen(!), für fast alle Computersysteme verfügbaren(!!) Software Geogebra durchzuführen, auf dem richtigen Weg sind. Die TI-App bietet keinen erkennbaren Mehrwert, im Gegenteil, viele der zweifelhaften Designentscheidungen, die die nspire-Taschenrechner prägen, wurden in die App übernommen.

Der Vortrag über selbst gemachtes E-Learning war eine reine Verkaufsveranstaltung für das Produkt „coursepath“ , und selbst dafür unglaublich schlecht. Es wurde nur oberflächlich ein konkretes Nutzungsbeispiel vorgestellt (Mitarbeiterschulung einer Krankenversicherung), ohne in irgendeiner Form auf die Fähigkeiten und Features der Software einzugehen – von Informationen über „DIY-E-Learning“ ganz zu schweigen.

Bereits leicht entmutigt ging es dann zum Vortrag „Kompetent mit digitalen Medien umgehen – Wissenswertes mit, über und in Medien“. Ein sehr wissenschaftlich geprägter Vortrag mit vielen richtigen und sicher wichtigen Punkten, der allerdings auf einer rein beschreibenden Ebene verblieb. Leider war dadurch für bereits „vorbelastetes“ Publikum relativ wenig „Neues“ dabei, hier hätte ich mir auch etwas handfestere Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen gewünscht. Aber vermutlich fielen wir auch nicht in die Zielgruppe.

Ähnliche Erfahrungen haben wir dann auch bei den restlichen, speziell auf berufliche Bildung orientierten Vorträgen gemacht, so dass wir – etwas ernüchtert – dann auf das weitere Vortragsprogramm verzichteten.

Anregungen? Innovationen?

…suchten wir vergebens. Nun gut, fast vergebens, aber dazu später.
Dass die Didacta eine reine Verkaufsveranstaltung ist, die den Lehrer als „Endkunden“ sehr fokussiert im Blick hat, war uns natürlich auch vor dem ersten Blick auf trolleyziehende Horden bewusst. Dennoch hatten wir gerade von den Big Playern deutlich mehr Innovation und neue Ideen, nachhaltige Konzepte und vieles mehr erwartet, als wir schlussendlich sahen. Der weit überwiegende Schwerpunkt liegt immer noch auf dem klassischen Schulbuch, selbst auf den Messeständen der großen Verlage fristen „digitale“ Inhalte ein Nischendasein. Oft genug versteckt sich dahinter dann auch nicht mehr als e-Book-Versionen einzelner klassischen Ausgaben, im besten Fall noch mit der einen oder anderen lieblos erstellten Animation oder einem starr programmierten Quiz etwas aufgehübscht.
Lernmanagementsysteme sind im Kommen, hier setzen die Verlage aber leider auf proprietäre, abgeschottete und neu entwickelte Insellösungen, anstatt Inhalte für vorhandene und verbreitete Systeme anzubieten. Dieses Verhalten ist zwar nachvollziehbar, ähnelt es doch dem Vorgehen der Musik- und Filmindustrie in der Vergangenheit, zeugt aber auch von einer gewissen Resistenz, aus Fehlern (hier ja sogar noch anderer) zu lernen. Meines Erachtens ein Irrweg, da die mit spitzem Bleistift kalkulierenden Schulen sehr genau prüfen werden, ob sie sich wirklich über Jahre hinweg in Zwangsknechtschaften mit völlig unkalkulierbaren finanziellen Folgen begeben werden: Ein eingeführtes Schulbuch ist relativ schnell und ohne dramatische Kosten ausgetauscht – die Bindung an ein proprietäres LMS birgt hingegen unabschätzbare Risiken.
Ein ähnliches Bild im Bereich der Hardware, auch hier war kein Hauch an Innovation zu spüren. Zumindest gefühlt waren jedoch auch weniger Hardwareanbieter als in den letzten Jahren präsent – vielleicht ja ein gutes Zeichen. Der Hype um „Tablet-Klassen“ scheint zum Glück etwas abzuebben.

Es gab aber auch – wie oben bereits angedeutet – einen Lichtblick, und zwar den Bereich der „Bildungs-Startups“ in Halle 13. Hier präsentierten überwiegend junge Menschen – teilweise gerade erst selbst der Schule entwachsen – frische und intelligente Ideen und Produkte. Naturgemäß beschränken sich diese auf kleine Einzel-„Problemlösungen“, dies jedoch auf oft genial einfache und einfach geniale Art, dass wir tatsächlich ins Staunen (und Schwärmen) gerieten. Exemplarisch sei hier die Mathematik-App Maphi für Android und iOS genannt, der es gelingt, das Lösen von Gleichungen und Termumformungen auf intuitive Weise be-greif-bar zu machen und die Möglichkeiten, die die modernen Touchinterfaces bieten, voll ausnutzt. Man wünscht sich, dass die Vertreter der klassischen Industrien den Weg in diesen kleinen, aber feinen Startup-Bereich gefunden haben.

Und das Material für unser Projekt?

Wie erwartet, stießen wir mit unserem Anliegen, für unser Pilotprojekt zur Digitalisierung der beruflichen Bildung Material für unsere Moodle-Kurse direkt von den Verlagen zu erhalten, auf taube Ohren. Offiziell mit Verweis auf die Eigenlösungen „abgewimmelt“, wurde off the record von erstaunlich vielen Vertretern auf den Ständen die persönliche Meinung geäußert, dass man sich selbst Sorgen mache und definitiv deutlicher Nach- und Aufholbedarf bestehe.
Doch auch hier kann ich von einer sehr erfreulichen Ausnahme berichten. Ein eher kleiner, aber hervorragender Verlag zeigte sich erstaunlich offen für unsere Wünsche und Vorstellungen und wir sind gespannt, was sich hieraus entwickeln könnte. Wir bleiben jedenfalls in Kontakt und sind damit nicht völlig erfolglos geblieben.

Zusammenfassung

Insgesamt hatten wir uns deutlich mehr von dem Besuch dieser Messe versprochen. Im Bereich der Digitalisierung tut sich auch bei den größten Schreihälsen pro „digitales Arbeiten in der Bildung“ relativ wenig, und die wenigen Entwicklungen laufen teilweise auch noch in die falsche Richtung.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass bisher nur Produkte angeboten werden, keine Konzepte. Vielleicht ist das ja auch ganz gut so, vielleicht sollten wir Lehrer das tatsächlich selbst machen, erstaunlich finde ich es dennoch. Abschließend möchte ich daher noch auf den Spiegel-Online-Artikel zur Didacta hinweisen und diesen etwas zu optimistischen Bericht wie folgt ergänzen:

Doch selbst wenn Geld keine Rolle spielen würde, wenn ein Lehrer, eine Schule, sich alles, was auf der Didacta präsentiert wurde, wünschen könnte, so wüsste ich dennoch nicht, was ich von dort mitnehmen sollte.

Anekdoten vom Rand

Es ist zugegebenermaßen schwierig, bei Lehrbüchern zu IT-Themen auf aktuellem Stand zu bleiben, aber Bücher über 10 Jahre alte Software sind dann doch arg extrem… Vielleicht ein gutes Symbolbild zum Stand der Digitalisierung an unseren Schulen.
(Die Auflage war übrigens von 2015…)

 

 

 

Analoges Highlight (natürlich auch aus der Startup-Ecke), allerdings für den eigenen Nachwuchs: Die SumBlox – zahlenförmige Holzbausteine, deren Höhe ihrem Wert entspricht. So lässt sich spielerisch das Erlernen von Addition, Subtraktion und Multiplikation unterstützen. Als mir dann noch erklärt wurde, wie man damit bruchrechnen kann, hatten sie mich… „Shut up and take my Money!“.

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